[[ Von Pilgern, Devotionalien und Gerstensaft

Wenn die Menschen Mittelalter im Winter gehungert oder eine schwere Krankheit überstanden hatten, dann war es üblich, dass man, wenn es besser ging, sich auf Pilgerfahrt begab, um den Heiligen oder der Jungfrau Maria, wer immer gerade für die Verbesserung der Situation zuständig war, zu danken. Mal war es nah, wie zum Beispiel von Duisburg nach Kevelaer, aber manchmal war es auch weiter weg, wie zum Beispiel nach Santiago des Compostella.

Am Ziel der Pilgerreise angekommen, wurde der jeweilige heilige verehrt, angebetet und es konnten Devotionalien gekauft werden. Was das ist, sehen sie heute noch in Kevelaer: Kerzen, Karten, Rosenkränze; also Fan-Artikel für den religiösen Menschen. Wenn die in Massen kamen, rieben sich die Händler die Hände, denn sie profitierten quasi von den schlechten Zeiten.

Ähnlich angelegt war die Idee von Uwe Gerste (CDU), Chef von Duisburg-Marketing, zur Finanzierung des Kostenlochs für die Loveparade in Duisburg; schließlich gab es da einen Ratsbeschluss, dass durch die Loveparade keine Kosten entstehen dürften. Gerste schlug vor, Fan-Artikel an die Besucher der Love-Parade zu verkaufen, damit könne man bis zu 100.000 Euro einnehmen. Natürlich jetzt keine Kerzen, Karten, Rosenkränzen, sondern lustige Buttons und Fähnchen, am besten mit dem Loveparade-Logo. Dieses Logo hat der Veranstalter Schaller/McFit aber nicht zur Verwendung freigegeben. Also musste man sich andere lustige Dinge für die Fähnchen und Buttons ausdenken. Gesagt, getan. Nur: Es ging Herrn Gerste wie den mittelalterlichen Devotionalienhändlern in Zeiten des Wohlstands: Es kamen nicht so viele Pilger wie erwartet.

Jetzt kann es natürlich sein, dass dem Herrn Gerste niemand gesagt hat, wie viele Besucher wirklich erwartet wurden. Wenn der Veranstalter und der Genehmigungs-Behördenvorsteher laut eine Zahl von etwa 1,5 Millionen herausposaunen – so als Marketing-Gag – und der Marketingchef des Genehmigungs- Behördenvorstehers auf diesen Marketing Gag hereinfällt und nicht weiß, dass in Wahrheit nur ein Sechstel davon erwartet werden, ja was kann der Mann denn dann dafür, wenn er auf seinen Devotionalien sitzen bleibt?

Negativ ausgewirkt hat sich außerdem noch die mangelnde Einsicht der Pilger in die finanziellen Bedürfnisse des Devotionalienhändlers:
“In der Szene wurden unsere Aktivitäten leider häufig als nettes Beiwerk, jedoch nicht als elementarer Finanzierungsbestandteil gesehen.”
http://www.rp-online.de/niederrheinnord/duisburg/nachrichten/DMG-will-Einnahmen-spenden_aid_906142.html
Mit anderen Worten: Wenn die Techno-Jünger mal kapiert hätten, dass jeder nicht nur für sich, sondern für 5 andere Besucher, die man nicht wirklich erwartet hat, lustige Fähnchen und Buttons kaufen muss, dann hätte die der Genehmigungs-Behördenvorsteher jetzt kein Problem, dem Stadtrat zu erklären, warum die Loveparde die Stadt Doch gut und gerne 190.000 Euro kosten wird. Das ist in etwa so, als müssten Sie in Ihrer Stammkneipe für sich selber und für fünf weitere nicht vorhanden Kneipengästen Bier trinken, das sie eigentlich gar nicht mögen, das nur dem Wirt schmeckt, damit eben dieser Wirt über die Runden kommt. Na dann Prost zu dem Gerstensaft!

Nun müssen mehr als die Hälfte der lustigen Fähnchen und Buttons ja noch irgendwo herumliegen. Und demnächst beginnt ja wieder der Duisburger Weihnachtsmarkt, organisiert von Duisburg-Marketing. Und vielleicht ist die “Weihnachtsmarkt-Szene” ja verständiger als die Techno-Szene. Herr Gerste bestimmt ja auch die Musik, die auf dem Weihnachtsmarkt gespielt wird – Sie erinnern sich an die Diskussion – und den Spruch: Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing, den kennen Sie bestimmt auch. Wie wäre es denn, daraus mal zu machen: Wes’ Lied ich hör, des’ Fähnchen ich kauf. Man könnte die übrig gebliebenen Loveparade-Devotionalien doch auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen, natürlich mit einem respektablen Trauerflor, den man vorher noch aufbringen müsste. Wär’ doch mal ‘ne Idee, oder nicht?

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