[[ Bodenbelastung in Wanheim oder Erfolg der Lobbyarbeit?

Auf Einladung der Stadt Duisburg waren dei Besitzer der schwer und mittelschwer belasteten Gärten in Wanheim am 4. Juli 2013 in die Sporthalle Süd gekommen.
Auf dieser Informationsveranstaltung, deren Termin nicht öffentlich bekannt gegeben worden war, sollten die Betroffenen über die Situation und über das weitere Vorgehen informiert werden.
Dr. Krumpholz, Umweltdezernent der Stadt, sagte, alle säßen in einem Boot. Auch die Stadt habe schon viel in die Analyse und in Sanierungen gesteckt. Er wolle nun die Bürger mitnehmen, und Ihnen bei der Sanierung helfen. Zwar könne man die Sanierung auch per Verordnung durchsetzen, aber sei ja nicht erforderlich.
Als nächstes referierte Dr. Barkowski über die Situation. Nachdem 1999 nach einem Dioxin-Unfall bei der B.U.S. entdeckt worden war, dass die Grenzwerte für Blei und Cadmium überschritten waren, wurden gebietsbezogene Belastungswerte festgelegt. Anschließend wurden als erstes die Kinderspielplätze saniert. Nun kümmert man sich um die Hausgärten. Hausgärten sind per Definition die Flächen, die für Kinderspiel und Gemüseanbau geeignet sind. Nach der Darstellung von Dr. Barkowski ist die Sanierung alternativlos. Sanierung muss allerdings nicht immer zwingend Austausch des Bodens bedeuten, sondern kann z.B. auch bei entsprechenden Grundstücken eine Anhebung (Aufschüttung) des Bodens sein oder das Einbringen von Gittern, die verhindern, das in den Boden gegriffen werden kann.
Im Anschluss daran referierte Prof. Dr. König vom Umweltministerium NRW über die Beteiligung des Landes. Es wird beantragt, dass 80% der Sanierungskosten vom Land getragen werden (über dan AAVR http://www.aav-nrw.de/), die anderen 20% soll die Stadt übernehmen. Dies gilt für Einfamilienhäuser, nicht für öffentliche Gebäude oder Wohungsgesellschaften. Bei der Neuanlage der Gärten sollen sich die Hauseigentümer “angemessen” beteiligen.
Herr von der Heydt verwies darauf, dass die Sanierung zentral organisiert von einem Unternehmen durchgeführt werden solle, damit sichergestellt wird, dass sie auch richtig erfolgt. Die Bürger können dann von den Synergie-Effekten profitieren. Dr. Barkowski bot an, mit seiner Firma die Projektleitung zu übernehmen.

Danach konnten Fragen an die Experten gestellt werden. Einige Bürger waren sehr besorgt, weniger wegen der Belastung als wegen der Kosten und der Zerstörung ihrer Gärten. Andreas von der Heydt war zeitweise mit der Leitung der Diskussion überfordert, die Veranstaltung drohte ihm zu entgleiten.
Frage: In unserem Garten wird keine Erde gegessen, warum muss ich trotzdem sanieren?
Antwort: Die Stadt ist in der Amtshaftung, wenn irgend wann mal etwas passiert, fragen alle, warum die Stadt nichts unternommen hat. Nochmaliger Hinweis darauf, dass man die Sanierung auch durchsetzen kann.
Frage: Wie viel wird die Sanierung kosten, im Einzelnen, im Gesamten?
Antwort: Kann man noch nicht sagen, dazu muss die Sanierung erst im Detail geplant werden.
Frage: Wieso gibt es keine Verursacherhaftung, wenn die Firma MHD Sudamin, die als Hauptverursacher gesehen wird, Rechtsnachfolger hat?
Antwort: Verursacherhaftung endet vor Gericht meist an der Grundstücksgrenze, weil sich nicht nachweisen lässt, woher genau bestimmte Belastungspartikel geweht sind.
Frage: Warum reagiert die Stadt erst jetzt nach 12 Jahren, wenn allen Wanheimern seit 100 Jahren klar ist, dass Industrie nicht umweltverträglich ist?
Antwort: Man musste erst ein Verfahren entwickeln, Duisburg ist Vorreiter, solch eine Sanierung hat es noch nicht gegeben.
Frage: Wieso ist ein Grundstück hochbelastet, ein Nachbargrundstück aber nicht?
Antwort: Das könne in Einzelfällen vorkommen, im Normalfall aber nicht.
(Viele Zwischenrufe aus dem Publikum, dass das an vielen Stellen eben doch so sei.)
Frage: Warum wurden Vorgärten nicht untersucht? Was ist mit Baumscheiben und Mittelstreifen, die ebenfalls von Bürgern begärtnert werden?
Antwort: Das sind keine Hausgärten, die werden anders genutzt.
Frage: Was ist mit freien/verwilderten Grundstücken, auf denen ebenfalls Kinder spielen?
Antwort: Das sind keine Hausgärten. Man können sich nicht gleichzeitig um alles kümmern, jetzt seien die Hausgärten dran.
Frage: Was hat die Probenahme durch Dr. Barkowski die Stadt bislang gekostet?
Antwort: Bislang ca. 125.000 Euro, letztlich werden es wohl ca. 170.000 Euro werden.
Frage: Sind die gebietsbezogenen Grenzwerte nicht völlig willkürlich?
Antwort: Nein, natürlich nicht, weil sie genau auf dieses Gebiet abgestimmt sind.
Frage: Warum gibt es kein Referat zur medizinischen Belastung? Ist das Absicht?
Antwort: Es gab bereits eine Kinderuntersuchung im Jahr 2002, die dann 2006 ausgewertet war. Die Ergebnisse sind im Internet zu finden. Die Ergebnisse waren im Moment nicht greifbar, es sollte aber eine Verlinkung auf der Homepage des Amtes für Umwelt und Grün erfolgen. [1]
Frage: Müssten nicht Blutuntersuchungen bei der Bevölkerung erfolgen?
Antwort: Bei der Beurteilung der Blutwerte müssen zahlreiche andere Faktoren, wie Arbeitsplatz, Raucher oder nicht berücksichtigt werden. Kann man machen lassen.
Frage: Bereits 1982 wurde im gesamten Stadtgebiet auf Blei und Cadmium in Gemüse getestet. Damals lagen die Werte für Blei im Schnitt bei 450 bis 500 mg/Kg Erde. Zinn- und Zinkhütte existierten etwa von 1905 – 2005. Wie kann es sein, dass in den letzten 20 von 100 Betriebsjahren noch einmal so viel Blei ausgestoßen wurde, wie in den ersten, und das bei ständig steigenden Umweltanforderungen und verbesserten Filtersystemen?
Antwort: Das kann man nicht vergleichen, da müsste man schon die genauen Probestellen kennen und mit den Ergebnissen von heute vergleichen.
Pfarrer Brandt erinnerte daran, dass man die Stadt in Wanheim bislang nicht als Partner kennengelernt habe und rief die Menschen auf, ihre Empörung nicht zu verlieren. Als Kompromiss schlug er vor, nur die Grundstücke zu sanieren, deren Eigentümer die Sanierung wünschen.
Herr von der Heydt schlug vor, einen Sanierungsbeirat ins Leben zu rufen, in dem auch Bürger sitzen.

Nach der Diskussion wurde noch über das weitere Vorgehen gesprochen. Hier war der einzige Punkt aber nur der, dass die Gelder für die Sanierung beantragt werden.

Anmerkungen:

Hier wurde ein fast hermetisches System aufgebaut, in dem der Bürger keinerlei Einfluss hat. Selbst das Sanierungsunternehmens wird zentral ausgesucht.

Die Firma IFUA von Gutachter Dr. Barkowski möchte bei der Sanierung die Projektleitung übernehmen. IFUA verdient also daran, wenn die Messwerte so ausfallen, dass saniert werden muss.

Die Untersuchung der Bodenproben wurde durch die Firma Eurofin durchgeführt. Deren Geschäftsführer ist auch Mitglied im Vorstand des Deutschen Verbands Unabhängiger Prüflaboratorien. Auf deren Internetseite wird die Mitgliedschaft u.a. mit diesen Argumenten beworben:
direkter Zugang zu Informationsquellen Mitwirkungsmöglichkeiten in zahlreichen Gremien (u.a. auch bei Entwicklung von Normen)
“akkreditierte” Branchenvertretung bei der Bundesregierung dadurch Einbindung in ALLE relevanten Gesetzgebungsverfahren Interessenvertretung gegenüber Politik, Verwaltung, Verbänden, etc.
Ausweitung und Erschließung von Märkten

http://www.vup.de/mitglied.php

Bei der Frage nach der medizinischen Untersuchung wurde die Luft auf dem Podium deutlich dünner. Wenn man sich der Sanierung widersetzen will, scheint hier ein guter Ansatzpunkt zu sein.

Alternative Methoden der Sanierung werden nicht einmal erwähnt und ausgeschlossen, so alternativlos ist die Methode von Dr. Barkowski. Dabei gibt es durchaus auch andere Ansätze, wie diese Presseberichte belegen. [2] Da ich kein Experte bin, kann ich nicht beurteilen, ob diese Verfahren in Frage kommen, es macht mich nur immer stutzig, wenn Dinge als alternativlos dargestellt werden und derjenige, der an der Alternativlosigkeit auch derjenige ist, der daran am meisten verdient.

Wanheim soll Vorreiter bei einer solchen Sanierung sein. Auch das stimmt nicht so ganz. In Mülheim z.B. wurde bereits das Gelände der ehemaligen Zinkhütte Eppinghofen saniert.

http://www.umwelt.nrw.de/umwelt/pdf/sanierungsbroschuere/sanierungsbroschuere_3b.pdf

Gutachter und Planer war auch hier die Firma IFUA-Projekt GmbH, Bielefeld, zuständig für

Gefährdungsabschätzung
Sanierungsuntersuchung
Sanierungplan
Projektsteuerung
Gutachtliche Überwachung
Arbeitsschutz
Anwohner- und Eigentümerbelange, Öffentlichkeitsarbeit

Weitere Links hier. Abschnitt Themen, Wanheim-Bodenbelastung.

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[1] Eine Verlinkung ist bis heute, 10.07.2013, nicht erfolgt. Eventuell ist diese Untersuchung gemeint:
http://www.lanuv.nrw.de/veroeffentlichungen/fachberichte/fachb05/fb05s083_s103.pdf

[2] Presseberichte zu alternativen Sanierungsmöglichkeiten:
Eiserner Knöterich
Von Uta Bilow
Datum 29.09.1995 – 13:00 Uhr
http://www.zeit.de/1995/40/Eiserner_Knoeterich

21.08.1995
Umwelt
Liebe zum Gift
Botaniker experimentieren mit Pflanzen, die Schwermetalle fressen – ein neuer Weg zur Bodensanierung?
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9208318.html>

Prof. Dr. Roland Megnet
http://www.presse.uni-oldenburg.de/uni-info/1996/8/personal.htm

http://www.spektrum.de/alias/bodensanierung/pilze-koennen-bleiverseuchte-boeden-entgiften/1138905


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