[[ Laudatio bei der Vergabe des WAZ-Lokaljournalistenpreises in der Kategorie Serie

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Dr. Lammert,
sehr geehrter Herr Reitz,
sehr geehrte Redakteurinnen und Redakteure der WAZ Lokalredaktionen,

dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Bundespräsidenten Johannes Rau wird der Satz zugesprochen, die Kommune sei der Ernstfall der Politik. Dies gilt auch für Sie: Der Lokalteil ist der Ernstfall des Journalismus.

Sie berichten tagtäglich vom Leben in der Stadt, schreiben als Chronisten von den Ereignissen in der Kommune. Sie bewerten, ordnen ein und erklären.

Ein funktionierender Lokalteil gehört unabdingbar zum Funktionieren einer Stadt. Stadtbürgerliches Engagement ohne Lokalpresse wird schwinden. Damit sind Sie ein wesentlicher Bestandteil einer Gemeinde das Rückgrat der WAZ.

Deshalb – und diese Bemerkung sei mir hier erlaubt –
ist es auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erforderlich, Lokalredaktionen lebendig zu erhalten. Der Mantelteil wird nie so nah bei den Bürgern sein, wie der Lokalteil, wenn die Redakteure nah bei den Menschen sind. Und nur die Menschen kaufen und lesen Zeitungen.

Alle eingereichten Beiträge in der Kategorie Serie erzählen vom Leben:
vom Leben in einem Stadtteil,
von Vereinen,
von Freundschaften,
vom Sport,
von Häusern und den Menschen, die darin wohnen,
von der täglichen Arbeit in unterschiedlichen Berufen,
von bestimmten Orten in der Stadt.

Sie alle haben lesenswerte Texte eingereicht, und eine Auswahl zu treffen, welcher Text nun die anderen überragt war schwer zu treffen.

Am schwierigsten fiel uns die Entscheidung für einen ersten und zweiten Platz. Wären Sie nicht Journalisten sondern Sprinter in einem Leichtathletikstadion, so hätten dem zweitplatzierten nur wenige Sekundenbruchteile zum Sieg gefehlt. Deshalb möchte ich hier, auch im Namen der anderen Jury-Mitglieder, den zweitplatzierten nennen:

Die Redaktion in Oberhausen, die eine sehr gute Serie über den Alltag verschiedener Berufe eingereicht hat. Verschiedene Redakteure haben ein halben Tag in den unterschiedlichsten Berufen gearbeitet und sich den unterschiedlichsten Herausforderungen gestellt: Bei der Müllabfuhr und bei der Arbeitsplanung, als Erzieherin in Kindertagesstätte und als Frau auf dem Bau.

Weil aber in einer anderen Serie die Vorgabe Crossmedia besser verwirklicht wurde, haben wir als Jury uns entscheiden, den WAZ Lokaljournalistenpreis in der Kategorie Serie an die Redaktion in Essen zu vergeben, die mit ihrer auf 100 Folgen anlegten Serie “Essen entdecken – 100 besondere Orte” ein ambitioniertes Projekt eingereicht hat.

Hier erscheinen, ergänzend zur Printausgabe, nicht nur weitere zahlreiche interessante Fotos, sondern auch eine interaktive Stadtkarte, auf der die besuchten Orte eingetragen und zu den Artikeln verlinkt sind.
Diese Verknüpfung von Print und Online hat uns bewogen, den WAZ Lokaljournalistenpreis in der Kategorie Serie an die Redaktion in Essen zu vergeben.

Gleich in der ersten Folge schreibt Frank Stenglein in seinem Beitrag über die Schurenbachhalde:

“Die zerrissene Stadtlandschaft des Essener Nordens blättert sich auf, mit ihren Siedlungen, Grünanlagen, Straßen, stillgelegten und aktiven Industrien, die typische wilde Mischung des nördlichen Ruhrgebiets. Ganz hinten, einer Fata Morgana ähnlich, grüßen die Hochhäuser der Essener Innenstadt. Dortmund hin, Duisburg her – man erkennt sofort, welche Stadt die Mitte der Region markiert.”

Damit ist auch der Rahmen der Serie vorgegeben: Es geht um besondere Orte in Essen und das müssen keinesfalls immer die “schönen Orte” sein, weil es nicht die Schönheit ist, die das besondere eines Ortes ausmacht. Mit viel Gespür für Stimmungen und Gefühle, für Architektur und Stadtlandschaft, für Lebenswelt und das besondere im Alltäglichen begeben Sie sich auf die Spur der Orte, die man sonntags besucht und jener Orte, an denen man alltags achtlos vorbeieilt. Sie berichten von Straßen und Plätzen, Siedlungen und Schlössern, von Parks und Friedhöfen. Gentrifizierung am Isenbergplatz im Südviertel ist genauso Thema, wie die Zerstörung des Grendplatzes in Steele durch verfehlte Stadtplanung. Beides steht neben der Ruhe und Erholung, die die Essener im Kreuzgang des Doms finden und der Kunst der Entschleunigung am Rhein-Herne-Kanal. Und mit dieser „wilden Mischung“ machen Sie genau das, was eine Lokalredaktion tun soll: Vom Leben in der Stadt erzählen.

Egon Erwin Kisch hat geschrieben: “Nichts ist exotischer als unsere Umwelt. Und nichts sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt.” Darüber berichten Sie in Ihrer Serie und Sie tun es, mit den Mitteln der Zeit, in der Sie leben, in dem Sie Print und Online sinnvoll verknüpfen.

Ich bedanke mich bei allen Redakteuren und Redaktionen, die Beiträge eingereicht haben. Alle Serien waren spannend und interessant zu lesen. Seien Sie weiterhin mutig und nutzen Sie intensiver die erzählerischen Mittel unserer Zeit.
Online ist nicht der Tod der Print-Ausgabe, sondern ihre Erweiterung. Hier gibt es noch viel zu tun, auszuprobieren und zu entdecken. Für Sie als Autoren und für uns als Leser.

Ich gratuliere der Redaktion Essen zum WAZ Lokaljournalistenpreis 2014 in der Kategorie Serie.

Herzlichen Glückwunsch.

Vielen Dank.

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